Viele Patienten kommen mit einer dicken Befundmappe in meine Praxis. Darin finden sich Laborwerte, Arztbriefe, MRT-Berichte und nicht selten mehrere Diagnosen. Trotzdem ist die entscheidende Frage weiterhin offen:

Warum geht es mir nicht besser?

Ein auffälliger Laborwert ist noch keine Erklärung. Ein MRT-Befund ist noch keine Ursache. Und eine Diagnose auf einem Arztbrief sagt nicht automatisch, welche Behandlung für diesen Menschen sinnvoll ist.

Deshalb beginnt Diagnostik für mich nicht mit einem Gerät, sondern mit dem Patienten.

Ich möchte verstehen, wann die Beschwerden begonnen haben, wodurch sie beeinflusst werden, welche Erkrankungen vorausgingen, welche Medikamente und Vitalstoffe eingenommen werden und welche Zusammenhänge bisher möglicherweise übersehen wurden.

Erst danach entscheidet sich, welche weiteren Untersuchungen tatsächlich erforderlich sind.

Gute Diagnostik ist weder Technikgläubigkeit noch Hellseherei

In der modernen Medizin lässt sich heute mehr messen als jemals zuvor. Das ist grundsätzlich ein Gewinn. Laboruntersuchungen, Ultraschall, MRT, CT und andere Verfahren können lebenswichtige Informationen liefern.

Problematisch wird es, wenn aus dem Messen ein Selbstzweck wird.

Dann folgt ein Test auf den nächsten, ohne dass zuvor eine klare Frage formuliert wurde. Am Ende besitzt der Patient noch mehr Befunde – aber nicht unbedingt mehr Klarheit.

Das andere Extrem überzeugt mich ebenso wenig: Beschwerden allein aus dem Bauch heraus zu beurteilen und auf überprüfbare Befunde grundsätzlich zu verzichten.

Meine Haltung ist daher einfach:

So viel Diagnostik wie nötig – und so wenig wie möglich.

Jede Untersuchung sollte eine konkrete Frage beantworten. Und ihr Ergebnis sollte eine Konsequenz haben. Wenn ein Test für die weitere Behandlung keine Bedeutung besitzt, muss man sich fragen, warum er überhaupt durchgeführt wird.

Der diagnostische Ablauf in meiner Praxis

1. Die ausführliche Anamnese

Die Anamnese ist kein kurzes Abfragen vorgefertigter Punkte. Sie ist der Versuch, die Krankengeschichte in ihrer zeitlichen Entwicklung zu verstehen.

Dabei interessieren mich unter anderem:

  • Wann begannen die Beschwerden?
  • Gab es zuvor einen Infekt, eine Operation, einen Unfall oder eine starke Belastung?
  • Welche Symptome traten zuerst auf?
  • Was verbessert oder verschlechtert den Zustand?
  • Welche Vorerkrankungen bestehen?
  • Welche Medikamente, Hormone und Nahrungsergänzungsmittel werden eingenommen?
  • Wie haben frühere Behandlungen gewirkt?
  • Wie sind Schlaf, Ernährung, Verdauung und Belastbarkeit?
  • Welche Rolle spielen Bewegung, Beruf und seelische Belastungen?

Gerade bei chronischen Beschwerden ist der zeitliche Verlauf oft aufschlussreicher als ein einzelner Messwert.

Manchmal beginnt eine jahrelange Krankengeschichte mit einer Infektion. Manchmal mit einer Medikamentenumstellung, einem Unfall, einer extremen Stressphase oder einer Veränderung des Verdauungssystems. Solche Zusammenhänge erscheinen auf keinem üblichen Laborblatt.

2. Vorhandene Befunde einordnen

Bitte bringen Sie vorhandene Laborbefunde, Arztbriefe, Operationsberichte und bildgebende Befunde zum Termin mit.

Ich halte wenig davon, Untersuchungen zu wiederholen, die bereits in ausreichender Qualität durchgeführt wurden. Häufig liegt das Problem nicht darin, dass zu wenig untersucht wurde. Die Befunde wurden lediglich isoliert betrachtet.

Ein einzelner Wert erzählt selten die ganze Geschichte. Erst die Verbindung verschiedener Befunde kann ein sinnvolles Bild ergeben:

  • Schilddrüsenwerte und Cholesterin
  • Blutzucker, Insulin und Fettleber
  • Nierenleistung, Blutdruck und Eiweißstoffwechsel
  • Darmbeschwerden, Nährstoffversorgung und Immunsystem
  • Entzündungswerte, Infektionen und Erschöpfung
  • Muskelmasse, Bewegung und Stoffwechsel

Ein Laborblatt ist kein Patient. Entscheidend ist, ob die Werte zur Krankengeschichte und zu den Beschwerden passen.

3. Körperliche und funktionelle Untersuchung

Je nach Beschwerdebild gehören zur Untersuchung beispielsweise:

  • Betrachtung von Haltung, Atmung und Bewegungsmustern
  • Untersuchung von Wirbelsäule, Gelenken, Muskulatur und Faszien
  • Prüfung von Beweglichkeit, Kraft und neurologischen Funktionen
  • Puls- und Blutdruckmessung
  • Untersuchung des Bauches
  • Betrachtung von Haut, Schleimhäuten, Zunge oder Nägeln
  • gezielte manuelle Funktionstests

Nicht jeder Patient benötigt sämtliche Untersuchungen. Auch hier gilt: Untersucht wird das, was zur Fragestellung passt.

Gerade bei Schmerzen kann ein MRT-Befund eindrucksvoll aussehen und dennoch nicht erklären, warum ein Patient genau bei einer bestimmten Bewegung Beschwerden hat. Umgekehrt können deutliche funktionelle Störungen bestehen, obwohl die Bildgebung keinen dramatischen Befund zeigt.

Deshalb müssen Bild, Funktion und Beschwerden zusammen betrachtet werden.

4. Gezielte Laboruntersuchungen

Wenn die Anamnese oder vorhandene Befunde offene Fragen hinterlassen, können gezielte Laboruntersuchungen sinnvoll sein.

Dazu gehören abhängig vom Einzelfall beispielsweise:

  • Blutbild und Entzündungswerte
  • Leber- und Nierenwerte
  • Blutzucker, Langzeitblutzucker und Insulinstoffwechsel
  • Schilddrüsenwerte
  • Eisenstatus
  • Vitamin- und Mineralstoffversorgung
  • Fettstoffwechsel
  • bestimmte Hormone
  • ausgewählte immunologische oder infektiologische Untersuchungen
  • Stuhluntersuchungen bei entsprechenden Verdauungsbeschwerden

Ich halte wenig von wahllosen „Komplettpaketen“, bei denen zahlreiche Werte gemessen werden, nur weil man sie messen kann. Je mehr Werte ohne konkrete Fragestellung bestimmt werden, desto wahrscheinlicher findet sich irgendeine Abweichung, deren Bedeutung anschließend unklar bleibt.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Was könnten wir alles untersuchen?

Sondern:

Welche Untersuchung hilft uns bei diesem Patienten tatsächlich weiter?

Dunkelfeldmikroskopie als ergänzende Beobachtung

In bestimmten Fällen nutze ich ergänzend die Dunkelfeldmikroskopie.

Dabei wird ein frischer Tropfen Kapillarblut ohne die übliche Färbung unter einem speziellen Mikroskop betrachtet. Durch die besondere Beleuchtung erscheinen Zellen und andere sichtbare Strukturen hell vor einem dunklen Hintergrund.

Das Verfahren erlaubt eine unmittelbare Betrachtung des frischen Blutpräparates. Es kann Beobachtungen liefern, aus denen sich weitere Fragen ergeben. Genau darin sehe ich seinen möglichen Nutzen.

Ich nutze die Dunkelfeldmikroskopie jedoch nicht als Ersatz für ein Blutbild, eine fachärztliche Untersuchung oder eine anerkannte Labordiagnostik. Ebenso leite ich aus einem einzelnen Dunkelfeldbild keine gesicherte Diagnose einer Infektion, Organerkrankung oder Belastung ab.

Die Darstellung kann unter anderem durch Blutentnahme, Präparation, Zeit, Temperatur und Lagerung beeinflusst werden. Auffällige Beobachtungen müssen deshalb immer im Zusammenhang mit der Anamnese und anderen Befunden betrachtet werden.

Mein Grundsatz lautet:

Die Dunkelfeldmikroskopie kann Fragen aufwerfen. Beweisen muss sie eine geeignete Untersuchung.

Diese Einordnung halte ich für wesentlich glaubwürdiger als die Behauptung, man könne aus einem einzigen Blutstropfen nahezu jede Erkrankung erkennen.

Ganzheitlich bedeutet nicht beliebig

Der Begriff „ganzheitlich“ wird inzwischen beinahe für alles verwendet. Für mich hat er eine konkrete Bedeutung:

Ich behandle nicht nur einen Laborwert oder ein einzelnes Organ. Ich berücksichtige den Menschen mit seiner Krankengeschichte, seiner körperlichen Verfassung, seinem Stoffwechsel, seiner Lebensweise und seinen Belastungen.

Dazu können verschiedene Ebenen gehören:

  • Ernährung und Verdauung
  • Bewegung, Muskulatur und Haltung
  • Schlaf und Regeneration
  • Vitamin- und Mineralstoffversorgung
  • Medikamente und mögliche Nebenwirkungen
  • chronische Entzündungen und Infektionen
  • seelische und berufliche Belastungen
  • individuelle Reaktionsmuster

Mehr über diesen Ansatz beschreibe ich in meinem Beitrag über die 9 Ebenen der Heilung.

Ganzheitliche Diagnostik bedeutet allerdings nicht, jede Beschwerde mit derselben Theorie zu erklären. Und sie bedeutet schon gar nicht, notwendige fachärztliche Untersuchungen abzulehnen.

Wenn der Verdacht auf eine ernsthafte oder akut behandlungsbedürftige Erkrankung besteht, gehört diese unverzüglich ärztlich beziehungsweise fachärztlich abgeklärt.

Was Sie von mir nicht erwarten sollten

Zu einer seriösen Diagnostik gehört auch, Grenzen auszusprechen.

Ich verspreche Ihnen nicht, nach wenigen Minuten die eine verborgene Ursache sämtlicher Beschwerden zu finden. Chronische Erkrankungen entstehen häufig über Jahre und werden meist von mehreren Faktoren beeinflusst.

Ebenso werde ich:

  • nicht jeden auffälligen Einzelwert zur Krankheit erklären,
  • keine Diagnose allein auf ein alternatives Testverfahren stützen,
  • keine notwendigen ärztlichen Untersuchungen verhindern,
  • keine Medikamente eigenmächtig und ohne Rücksprache mit dem verordnenden Arzt absetzen lassen,
  • keine Therapie empfehlen, bevor ich die wesentlichen Zusammenhänge verstanden habe.

Naturheilkunde darf kritisch sein. Sie darf aber nicht leichtfertig werden.

Was Sie zum ersten Termin mitbringen sollten

Hilfreich sind insbesondere:

  • aktuelle und ältere Laborbefunde
  • Arzt- und Krankenhausberichte
  • Befunde von MRT, CT, Ultraschall oder Röntgen
  • Operationsberichte
  • eine Liste Ihrer Diagnosen
  • eine vollständige Medikamentenliste
  • eine Liste aller Vitalstoffe und Naturheilmittel mit Dosierung
  • der Impfpass, soweit er für die Fragestellung relevant ist
  • eine kurze zeitliche Übersicht über Beginn und Verlauf Ihrer Beschwerden
  • Ihre wichtigsten Fragen

Bitte setzen Sie vor dem Termin keine Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel eigenmächtig ab. Falls bestimmte Präparate eine geplante Laboruntersuchung beeinflussen könnten, besprechen wir dies gezielt.

Diagnostik soll Orientierung schaffen

Am Ende der Untersuchung soll nicht einfach eine weitere Diagnose auf Ihrer Liste stehen.

Sie sollten verstehen:

  • welche Befunde wirklich wichtig sind,
  • welche Zusammenhänge wahrscheinlich sind,
  • was noch abgeklärt werden muss,
  • welche Warnzeichen beachtet werden müssen,
  • welche therapeutischen Schritte sinnvoll erscheinen,
  • und woran wir erkennen können, ob die Behandlung wirkt.

Gute Diagnostik macht den Patienten nicht abhängiger. Sie schafft Orientierung und ermöglicht nachvollziehbare Entscheidungen.

Wenn Sie wissen möchten, ob eine Behandlung in meiner Praxis für Ihre Beschwerden infrage kommt, finden Sie hier weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anfrage: Kontakt und Terminanfrage